Verkehrsraum und Stadtraum gemeinsam denken

Für eine lebenswerte Stadt.


Strasse, Trottoir, Velostreifen, Parkplatz – und dann?

Was unsere Strassenräume wirklich ausmacht:

Wer durch Wil spaziert, nimmt die Strasse meist als selbstverständliches Element der Stadt wahr. Doch was genau umfasst ein Strassenraum – und wo beginnt der eigentliche Stadtraum?

Der Strassenraum ist der Bereich, der sich zwischen den Gebäudefassaden entlang einer Strasse erstreckt. Er umfasst die Fahrbahn für den motorisierten Verkehr, allfällige Radwege, die Trottoirs für Fussgängerinnen und Fussgänger sowie die öffentlichen Parkierungsflächen. Die Ausgestaltung und der notwendige Raumbedarf für die unterschiedlichen Nutzergruppen wurde auch im Rahmen der 4. Ortsplanungskonferenz thematisiert und diskutiert. Denn der Strassenraum endet nicht am Randstein. Unmittelbar angrenzend – oft hinter einer Grundstücksgrenze – befindet sich der Stadtraum: jener qualitativ entscheidende Bereich, der durch Vorgärten, Baumreihen, begrünte Böschungen, Hecken und Einfriedungen geprägt wird. Als Übergangsbereich zwischen privatem Grundstück und öffentlicher Verkehrsfläche verleiht er einer Strasse ihren Charakter. Er schafft Beschattung, dient als Identitätsstifter, sozialer Treffpunkt und Aufenthaltsort – wobei der Fokus im Strassenalltag häufig dennoch auf Leistungsfähigkeit, Verkehrsfluss (MIV – Motorisierter Individualverkehr) und der funktionalen Abwicklung von Transporten liegt. Zugleich verbessert der Stadtraum das Mikroklima und trägt massgeblich zur Aufenthaltsqualität bei.

Bildausschnitt der 4. Ortsplanungskonferenz


Baulinien: Raum für die Strasse von morgen

Um den Strassenraum langfristig freizuhalten und künftige Ausbauten oder Umgestaltungen zu ermöglichen, werden sogenannte Baulinien eingesetzt. Baulinien sichern den Raum für zukünftige Infrastrukturanpassungen in einem definierten Streifen entlang der Strasse.

In der Praxis zeigt sich jedoch ein verbreitetes Problem: Die bestehenden Baulinien wurden historisch oft rein unter verkehrstechnischen Gesichtspunkten gezogen – ausreichend Platz für Fahrbahn, Randstein und ein schmales Trottoir. Der angrenzende Stadtraum mit seinen ökologischen, gestalterischen und sozialen Qualitäten blieb dabei häufig aussen vor. Die Folge davon: Wenn ein Strassenraum aufgewertet werden soll, ist der vorhandene Raum – als Stadtraum gedacht – zu gering. Ohne ausreichende Raumsicherung verbauen private Neubauten wichtige Korridore, was spätere Projekte verunmöglichen kann.


Ein neues Zusammenspiel schaffen: Verkehrsraum und Stadtraum integriert denken

Die Stadtplanung Wil verfolgt ein klares Ziel: Verkehrsraum und Stadtraum sollen als gemeinsam wirkende Elemente des öffentlichen Raums betrachtet werden. Eine gut gestaltete Strasse ist nicht nur eine leistungsfähige Verkehrsachse, sondern gleichzeitig ein attraktiver, belebter und klimaresilienter Stadtbereich.

Dieser Ansatz bedeutet: Bei der Planung von Strassenräumen wird der Raum von Fassade zu Fassade integral betrachtet. Breitere Fuss- und Radwege, Strassenbäume zur Beschattung, (wo zweckmässig) naturnahe Vorzonen und Begegnungsbereiche werden nicht als «Extras» verstanden, sondern als Grundbestandteil einer zukunftsfähigen Strassengestaltung – auch angesichts des Klimawandels mit zunehmender Hitzebelastung und der Notwendigkeit von Versickerungsflächen.


Wie reagieren die Planungsinstrumente darauf?

Strassenabschnitte sollen entsprechend ihrem Charakter in unterschiedliche Typen eingeteilt werden, welche auf die jeweilige Situation Rücksicht nehmen. Aktuell laufen Variantenstudien und die Erarbeitung von möglichen Instrumenten für die zukünftige Praxis.

Der kommunale Richtplan Verkehr legt zudem behördenverbindlich fest, wie das Verkehrsnetz langfristig strukturiert sein soll. In Zukunft soll er auch Qualitätsziele für den öffentlichen Raum verankern: Welche Strassenzüge sollen prioritär aufgewertet werden?

Auf Stufe der Nutzungsplanung bieten das neue Baureglement und der Zonenplan konkrete Möglichkeiten, das Zusammenspiel von Verkehrs- und Stadtraum grundeigentümerverbindlich zu regeln.

Folgende Ansätze sind dabei besonders wirksam und werden zurzeit geprüft:

  • Angepasste Baulinien oder Baulinienanpassungen
  • Werkzeugkasten für unterschiedliche Strassentypen und Abschnitte zur Weiterentwicklung
  • Vorschriften zur Erdgeschossnutzung und Gestaltung
  • Grünflächenvorschriften und Bepflanzungspflichten entlang von Strassen
  • Sondernutzungspläne mit Gestaltungsvorschriften


Ausblick

Mit der laufenden Revision von Baureglement und Zonenplan sowie der Revision des Richtplans Verkehr schafft die Stadt Wil die planerischen Grundlagen und Rahmenbedingungen, um Verkehrsraum und Stadtraum künftig ganzheitlich zu planen und als untrennbare Bestandteile eines attraktiven öffentlichen Raums zu verstehen. Aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen wird nicht alles möglich sein. Das Ziel ist ein öffentlicher Raum, der nicht nur funktioniert, sondern auch zum Flanieren, Verweilen, Begegnen und Geniessen einlädt und Identität schaffen kann. Denn eine lebenswerte Stadt entsteht nicht trotz, sondern durch die Art, wie wir unsere Strassen- und Stadträume planen.